Die Schönkirchener Gilden
Die Schönkirchener Gilden
Schon im 13. Jahrhundert hatte sich in Schönberg (Probstei) eine Adelsgilde gebildet, die Laurentius-Gilde. Zu ihr gehörte auch der Pastor. Diese Gilde war "eine Bruderschaft zur gegenseitigen Unterstützung und zur Fürsorge für das Seelenheil verstorbener Mitglieder". Man tagte am ersten Tage des Monats, lateinisch calendae, wonach diese Gilde auch "Kalands" genannt wurde.
Eine solche Gilde gab es auch in Kiel. Sie wurde im Jahre 1334 am Neujahrstag "Zur Ehre Gottes, seiner Mutter Maria, St. Johannis des Täufers und eines Heiligen Gottes, zur Seligkeit aller Brüder und Schwestern gestiftet, damit sie untereinander ihrer guten Werke teilhaftig werden möchten". Verarmte und erkrankte Brüder und Schwestern sollten unterstützt, verstorbene Mitglieder zu Grabe geleitet werden. Jährlich hielt der "Kaland" feierliche Zusammenkünfte, wobei es am reichlichen Essen und gutem Kieler Bier nicht fehlte!
Zu diesem Kaland gehörten auch die Schönkirchener Priester Wolterus 1340/50 und sein Nachfolger Michael. Da noch bis 1526 Mitglieder aufgenommen wurden, ist anzunehmen, daß auch die anderen Pastoren Kalandermitglieder waren. Die ersten Gilden waren demnach Kirchengilden. Es ist zu vermuten, daß unsere Gilden aus diesen Kalandern, den Kirchengilden, hervorgegangen sind!
Die erste Urkunde der Schönkirchener Gilde stammt aus dem Jahre 1560. Da in ihr steht, daß sie "wieder gestiftet" wurde, geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß es noch eine Vorgängergilde gegeben haben muß, die Schönkirchener Ursprungsgilde muß demnach vor 1560 gegründet worden sein.
Die Gründung der Schönkirchener Gilde
Die Inschrift der Gründungsurkunde hat der Chronist Hartwig Friedrich Wiese in seinen "Nachrichten vom Kirchspiel Schönkirchen" (im Volksmund "Wiesechronik" genannt) wie folgt wiedergegeben:
"Im Jahr Ein Tausend Viff Hundert und Sößtig stiftete die Ehrbare und Gottsehlige Fruwe Magdalena Brocktorffen die Brandtgilde zu Schönkerken wedderup, und die Ehrbar Junker Bartramb Pogwisch undt Christoffer Gadendorp sampt ehren Lüden undt ok die Ehrbar Fruw: tho Obbendorp sampt des Rades undt der Koniginnen Leuten, hebben by ehren wahren worden und ehren, stade undt Veste tho holden beschloten,
Actum et supra" (Anmerkung: geschehen wie eben)
(Wiese 1986, S. 86)
Diese Gründungsurkunde wurde im Jahre 1560 im Gildehaus zu Schönkirchen ausgestellt. Die dabei anwesenden Personen waren:
Frau Magdalena Brocktorff vom Gute Schrevenborn, Bartram Pogwisch auf Dobersdorf, Christoffer Gadendorp auf Schönhorst und die Gräfin Blome auf Oppendorf. Die in der Urkunde erwähnten Rates Leute waren die Einwohner unseres Kirchdorfes, der Königin Leute waren die Untertan en der bei uns eingepfarrten Güter. Die Gründungsmitglieder haben sich also verpflichtet, die Gilde stetig und fest aufrecht zu
erhalten. Das Gildehaus gehörte in dieser Zeit dem Gute Schrevenborn. Der Name stammt daher, daß in diesem Hause "Gilde" abgehalten wurde.
Im Jahre 1606 wurde die Gilde abermals "gestiftet", wiederum von den Kirchspieljunkern Pogwisch, Brocktorff, Blome, von den Leuten des Rates (Kiel) und den Untertanen der Güter.
Leider sind außer der Urkunde keine Satzungen erhalten, da im Jahre 1791 alle Unterlagen, die im Pastorat in der Gildelade aufbewahrt wurden, beim Brande desselben vernichtet wurden. Es folgt hier ein Auszug aus den "Artikeln" der Kieler "Amtsgilden", zu denen auch Schönkirchen gehörte. Sie sagen etwas darüber aus, weshalb es eine Brandgilde gab: Der Brand Gilde Kilischer Amts Untertanen und anderer benachbarter, so diese Gilde belieben und darin angenommen werden. Im Namen der heiligen hochgelobten Dreifaltigkeit, Gott des Vaters, Gottes des Sohnes und Gottes des heiligen Geistes. Amen.
Kund und zu wissen sei hiermit allen Gildebrüdern und Gildeschwestern, die in diese Brandgilde gehören, und künftig darin auf- und angenommen werden, was von unseren lieben Vorfahren vor vielen Jahren eine nötige und nützliche Brandgilde ist gestiftet und angerichtet, zur Hilfe und Trost allen Brüdern und Schwestern, denen Brandschade entstanden, dadurch es denselben, so viel (wie) möglich, wiederum geholfen werden könne, damit aber die sämtlichen Gildebrüder und Schwestern etwas Gewisses haben müssen, wonach sie sich zu achten und zu richten (haben). Also ist einhellig beliebet, nachfolgende Punkte und Artikeln zu Papier zu bringen, wonach die sämtlichen Gildebrüder und Schwestern und ein jeder besonders sich halten und richten sollen.
Soweit der (leicht sprachlich vereinfachte) Text. Es folgen nun noch einige Passagen aus den Artikeln, die zeigen, wie akkurat man damals alle Eventualitäten bedachte!
Wenn jemand sein Haus durch Naturgewalt, ohne eigenes Verschulden, oder durch fremde Brandstiftung verlor, so wird dem Geschädigten schnelle Hilfe zuteil. Von den Gildebrüdern erhält er:
1 Scheffel Roggen, etwa 50 Pfund,
20 Schoeff = Stroh- oder Reetbündel,
20 Rechter = Sparren und Latten
20 Schechte = lange dünne Stöcke
1 Bund Windstrünke und Weiden
Die Frau bekam von den Gildeschwestern Flachs, 1 Löffel, 1 Faß und ein Teller. Die Gildebrüder halfen dem Geschädigten, daß Haus und Hof gesäubert wird. Es ist dann genau festgelegt, was jeder zu tun hatte. Alle vier Jahre wurden alle versicherten Häuser von einer Kommission auf Schäden überprüft, nach vier Wochen wurde kontrolliert, ob die Mängel behoben waren. Klar, daß beim Aufbau alle halfen, dieser Gedanke des "Alle für Einen" zieht sich durch die Jahrhunderte fort. "All för een - een för all", das ist bis heute das Gildemotto.
Einmal im Jahr, um die Pfingstzeit herum, fand das Gildefest statt. Dann wurde vor der geöffneten Gildelade Rechnung gelegt, Entscheidungen wurden durch Mehrheitsbeschluß gefällt und die Älter- und Schauleute gewählt. Es gab zwei Schauleute, wovon der eine gleichzeitig Ältermann war. Sie hatten die Aufgabe, die Gildegeschäfte zu führen und Schäden zu taxieren. Nach der Versammlung wurde auf den Vogel geschossen, um den Gildekönig zu ermitteln. Jeder hatte seine eigene Flinte, einen Vorderlader. Die Kugeln wurden selbst gegossen. In früherer Zeit schoß man nach einem eisernen Vogel, der auf einer Stange befestigt war. Der Schütze stand fast senkrecht darunter. Wer das letzte Stück vom Rumpf abschoß, war Gildekönig! Er durfte dann die Gildekette tragen, und auf einer Plakette wurde dann sein Namen verewigt. Aber er mußte auch für den nächsten Vogel sorgen. König konnte nicht jeder werden. Es war schon erforderlich, daß er einen Bürgen haben mußte! Abends war Tanz. Im Gildehaus wurde das Gildebier gebraut. Tanzen durfte man nur mit seiner eigenen Frau, der Schwester oder der anverlobten Braut. Eine Ausnahme gab es jedoch, sie betraf die Frau des Gildeschreibers, mit ihr durfte jeder tanzen! Wer mehr Bier verschüttete, als man mit der Hand bedecken konnte, mußte Strafe zahlen. Damit alles gesittet und ordentlich zuging, wurden den Älterleuten acht Mann zur Seite gestellt, sie "achteten" (daher Achtmannschaft) darauf, das alles ordentlich zuging und hatten das Recht, jemanden, der sich ungebührlich benahm, des Festes zu verweisen. Diese acht Männer nannte man "die Achtmannschaft" oder Vorsteher.
Soviel zu den Artikeln der damaligen Gilde. Etwa um 1800 entstanden im Lande die "Brandkassen". Nunmehr wurden die Brandgilden überflüssig, nicht aber die Gilden. Man wollte die entstandene und gewachsene Gemeinschaft nicht aufgeben und auch nicht auf das Vogelschießen und den Tanz verzichten. Die Schönkirchener Gilde lief zunächst unter dem Namen "Lustgilde" weiter. Im Jahre 1819 gründeten dann die sechs unten erwähnten Schönkirchener Hufenbesitzer die "Windgilde Schönkirchen". In dem Vorwort der Gründungsurkunde heißt es: "Da es sehr leicht möglich ist, daß jemand durch Windstöße und Sturm an seinen Gebäuden erheblichen Schaden leiden kann, so ist, um einen solchen unseren Mitmenschen zu der Zeit, wenn er durch Sturmwind Schaden an seinen Gebäuden erleidet, einen Zuschuß geben zu wollen, eine sogenannte "WINDGILDE" im Jahre 1819 in dem Kirchdorfe SCHÖNKIRCHEN des Königlichen Amtes KIEL gestiftet, und wird alle Jahre am Montag nach dem Pfingstfest gehalten bei dem Hufner und Bauernvogt Claus Friedrich STOLTENBERG, an welchem Tage sich die Interessenten für Gebühr einschreiben lassen können“.
Anmerkung 1.: die jetzigen Hufner sind die Stifter der Gesellschaft, namentlich:
Claus Friedrich Stoltenberg (Hufe 11)
Claus Friedrich Stoltenberg (Hufe 12)
Hartwig Dibbern (Hufe 19)
Peter Stoltenberg (Hufe 22)
Peter Wiese (Hufe 1)
Jürgen Christian Schmidt (Hufe 6)
Anmerkung 2.: Dieser Cloub oder menschenfreundliche Gesellschaft erstreckt sich, nach Vereinbarung der Stifter, über vier Kirchspiele, namentlich: Schönkirchen, Schönberg, Probsteierhagen und Elmschenhagen.
Zusatz: Am Gildetage 1820 wurde von den Interessenten ausgemacht, daß dieser Verein sich noch weiter ausstrecken dürfe, sobald ein Eigentümer von den Schaumännern für gültig angesehen werde".
Soweit die Präambel der Windgilde. Es folgen die "Artikel". In 15 Paragraphen wird nun dargelegt, wie beim Einschreiben in die Gilderolle, beim Taxieren des Wertes, beim Windschaden zu verfahren ist. Es wurde alles sehr genau festgeschrieben. In der Regel erhielten die Geschädigten nach sechs Wochen ihren Schaden reguliert. Schwarze Schafe wurden nicht geduldet. Wer versuchte, den Schaden absichtlich zu vergrößern, wurde ausgeschlossen.
Das Gildefest wurde im Hause des Ältermannes C. F. Stoltenberg gefeiert, zumindest bis etwa 1840. Danach ging man in die Gastwirtschaft, die sich am Dorfteich in der heutigen Apotheke befand. Die Interessengemeinschaft der Windgilde bestand aus Hufnern und Kätnern, später auch aus anderen Hausbesitzern.
Für das "Schießen nach dem Vogel" gab es strenge Regeln, wie sie ja auch heute noch in den Festschriften der Gilde veröffentlicht werden.
Wenn man sich die Liste der Interessenten von 1859 ansieht, so fällt die breite Streuung auf, die Mitglieder kamen aus Schönkirchen, Schönhorst, Flüggendorf, Dietrichsdorf, Mönkeberg, Alt- und Neuheikendorf, Möltenort, Neumühlen, Wellingdorf, Wellsee, Meimersdorf, Felde, Klein-Nordsee, Achterwehr. Hier mögen teilweise Familienverbindungen eine Rolle gespielt haben, beispielsweise bei den Mitgliedern aus Meimersdorf. Es beweist aber auch, wie wichtig diese Selbsthilfeeinrichtung für die Menschen damals war. Natürlich spielte dabei auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit eine große Rolle. Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, daß Schönkirchener Interessenten auch in der Neumühlener, Heikendorfer und Möltenorter Gilde waren.
Wie wurde nun ein Schaden berechnet? Zunächst wurden die "Verbände oder Fächer" des zu versichernden Hauses gezählt und gewissenhaft geschätzt. Von dem Tage des "Einschauens" (daher Schaumann) galt die Mitgliedschaft. Der Schaumann erhielt pro Gebäude, wenn es nicht über zwei Meilen von Schönkirchen entfernt war, 6 Schillinge, darüber 10 Schillinge. Der Taxwert war wichtig für die zu zahlende Umlage. Trat nun ein Schaden ein, so mußte der Geschädigte einem Schaumann davon Mitteilung machen. Dieser begab sich dann mit seinem Kollegen zur Schadstelle. Sie machten dann dem Gildeschreiber Meldung über die Höhe des Schadens. Er rechnete dann die von den anderen Gildebrüdern zu zahlende Umlage aus. Sie hatten dann innerhalb von sechs Wochen zu zahlen. Um 1900 hatte die Windgilde eine Versicherungssumme von 37.400 Reichsmark.
Als im Februar 1894 orkanartige Stürme Schönkirchen heimsuchten, entstand der Gilde ein großer Schaden. 2.412
Reichsmark wären zu zahlen gewesen, das konnte man nicht. Man war gezwungen, sich 2.000 Reichsmark von der Sparkasse zu leihen, der Rest wurde auf die Mitglieder "repartiert" (umgelegt).
Ein säumiger Zahler aus Alt-Heikendorf hatte 40 Mark mal zwei Jahre = 80 Mark Schadegeld nicht gezahlt. Er gab an, daß er gekündigt hätte, aber das nahm man ihm nicht ab. Ein loses Gespräch mit dem Gildeschreiber sei unwirksam. Sollte er nicht zahlen, drohe man mit gerichtlichen Schritten! Er zahlte und blieb sogar in der Gilde.
Im Jahre 1885 konnte man die 325-Jahrfeier der Gilde begehen. Die Eröffnungsfeier fand im Gildehaus statt. Der mit selbstgebrautem Bier gefüllte Willkumst kreiste durch die Reihen. Pastor Mühlenhardt hielt die Festrede, das Fest fand nach dem Vogelschießen im Krug seinen würdigen Abschluß. Von diesem Fest sind uns die Kosten bekannt:
Einnahmen:
Zechgeld, Bestand in der Kasse, Schützengeld
Insgesamt 90,30 Mark
Ausgaben:
Für eine neue Fahne (ist noch vorhanden!) 21,00 Mark
Braunbier im Gildehaus 8,00 Mark
Wegesperre und Unkosten 2,70 Mark
Schießgeld 12,00 Mark
für den Vogel 6,00 Mark
für Musik 7,00 Mark
Einrahmung eines von Ing. Wiese der Gilde
geschenkten Bildes (Altes Gildehaus) 4,50 Mark
für Gewinne 6,00 Mark
für Vorstand an Gebühren 7,20 Mark
für den Gildeschreiber 4,00 Mark
Bier und Zigarren beim Aufstellen des Vogels 4,20 Mark
Punsch und Zigarren bei der Lade 4,60 Mark
Zeitungsannonce im Kieler Tageblatt 2,75 Mark
Transparente an Maler Kock 2,40 Mark
Fahnenbezug für Sattler Kähler 2,50 Mark
---------------------
Ausgaben in Summa 94,85 Mark
Blieb ein Unterschuß von 4,55 Mark
Ein weiterer Höhepunkt in der Gildegeschichte war die 350-Jahrfeier im Jahre 1910. Den Glanzpunkt bildete ein festlicher Umzug durch den Ort, an dem sich fast alle Vereine beteiligten. Der Festzug sah folgendermaßen aus:
1. Major (Fritz Gäbel)
2. 2 Herolde auf weißen Pferden (Peters und Werneck)
3. 2 Herrenreiter (Stoltenberg und Struve)
4. 1 Adjudant (F. Böge, Heikendorf)
5. 1 Festwagen mit dem Vorstand der Windgilde
6. Neumühlener Große Gilde von 1635
7. Möltenorter Gilde
8. Ehrenwagen mit den Kämpfern von 1848
9. 2 Herolde (Behrend und Christoph Stoltenberg)
10. Musik
11. Schützen
12. Kampfgenossen von 1870/71
13. Festwagen der Germania
14. Schönkirchener Kriegerverein
15. Ehrenwagen
16. Alt- Heikendorfer Gilde
17. Neu-Heikendorfer Gilde
18. 3 Reiter mit blau-weiß-roten Schärpen
19. Freiwillige Feuerwehr Schönkirchen
20. Festwagen der Diana
21. Freiwillige Feuerwehr Mönkeberg
22. 2 Postboten aus dem 16./17. Jahrhundert
23. Ehrenwagen
24. Schönhorster Gilde
25. Flüggendorfer Gilde
26. 2 Bauernwagen mit holsteinischen Bauern in mittelalterlicher Tracht
27. Ehrenwagen
28. Knochenbruchgilde Schönkirchen
29. Liedertafel Schönkirchen
30. Ehrenwagen
31. Windgilde Schönkirchen
Im Gildehaus wurde besonders hergestelltes Bier in zinnernen Krügen gereicht. Die Festrede hielt Pastor Mühlenhardt. Ein Ball bei Mordhorst schloß das Fest ab. Leider gibt es hierüber keine Abrechnungen. Von diesem Zeitpunkt an werden die Protokolle der Windgilde immer spärlicher, was sicherlich auf den 1. Weltkrieg zurückzuführen ist. Es gibt eine letzte Eintragung, datiert vom 13. Juni 1927, anläßlich einer Feier zum wiederinstandgesetzten Gildehaus. Danach geht die Windgilde in die Knochenbruchgilde über. Die Fahne der Windgilde wird von der Alten Gilde weitergetragen und in Ehren gehalten.
Die Knochenbruchgilde für Schönkirchen und Umgebung von 1875
Neben vielen anderen Gilden, z.B. Pferde- Schweine-, Totengilden, bildeten sich im 18. und 19.Jahrhundert auch "Knochenbruchgilden". Sie zahlten bei Knochenbrüchen an die Geschädigten eine bestimmte Summe. Während in Flüggendorf schon 1852 und in Schönhorst 1853 solche Gilde gegründet wurden, geschah dies in Schönkirchen erst 1875. Während bei der Windgilde nur Hausbesitzer Mitglied sein konnten, war das bei der Knochenbruchgilde anders, hier konnte jeder Mitglied werden. So nimmt es nicht wunder, daß beim ersten Gildefest 1875 bereits 163 Interessenten vorhanden waren, viele von ihnen waren auch in der Windgilde. Man muß wissen, daß es 1875 noch keine Versicherungen gab! Diese wurden erst 1890/91 von Bismarck geschaffen. Aber auch nach deren Gründung wurde der Gildeversicherungsgedanke nicht aufgegeben. Zum einen waren die Versicherungsleistungen sehr niedrig, zum andern war immer noch der Gedanke des "All för een - een för all" vorhanden. Das Gemeinschaftsgefühl war vorhanden: "Ich helfe mit meinem Beitrag, daß mein geschädigter Gildebruder Geld in die Hand bekommt". In späteren Jahren kam dann noch ein Sterbegeld dazu.
In den Statuten von 1875 heißt es: "Der Zweck der Gilde ist, jedem Interessenten, der bei Ausführung seiner Berufsgeschäfte, überhaupt auf eine unverschuldete Art und Weise, einen unten näher bezeichneten Knochenbruch erleiden sollte, durch bestimmte Beiträge aller Mitglieder an barem Gelde in seinem Unglück zu unterstützen. Würde jedoch ein Interessent aus Mutwillen, durch Schlägerei oder sonstigen schlechten Lebenswandel sich einen der vorbenannten Schäden zuziehen, so hat derselbe keinen Anspruch auf Unterstützung".
Folgende Knochen zählten zu den schweren Brüchen: Schädel, Oberkiefer, Unterkiefer, Wirbel, Brustbein, Becken, Kreuzbein, Oberschenkel, Schienbeine, Unterarm, Fußwurzel- und Mittelknochen. Hierfür gab es (1875) 90 Reichspfennige pro Mitglied. Zu den leichten Knochenbrüchen zählten:
Schlüsselbein, Rippen, Wadenbein, Unterarm (einzeln), Mittelfußknochen (einzeln). Für den Bruch dieser Knochen gab es 60 Pfennige. Der Bruch mußte innerhalb von drei Tagen unter Vorlage eines Attestes gemeldet werden. Die Arztwahl war frei. Wenn mehrere Knochen gleichzeitig brachen, wurde nur der schwerere Bruch bezahlt. Dies ist bei der Alten Gilde Schönkirchen bis heute so geblieben.
Wer seine Umlage damals nicht zahlte, konnte gerichtlich zur Zahlung angehalten werden. "Jeder brave und ehrliche Mann kann Mitglied werden", hieß es in der Satzung. Zur Durchführung der Gildegeschäfte wurden zwei Älterleute gewählt, von denen jedes Jahr einer ausschied, er konnte aber wiedergewählt werden. Zur Unterstützung des Vorstandes wurden, wie bei der Windgilde, acht Männer als Vorsteher gewählt. Diese hatten vor allem bei den Gildefesten auf Recht und gute Sitte zu achten. Jedem Interessenten stand es frei, alljährlich am Gildetage in aller Bescheidenheit vor die Gildelade zu treten und Wünsche vorzubringen. Die Gildefeier wurde alljährlich am 1. Sonntag vor Johanni abgehalten. Die Statuten der Knochenbruchgilde schließen mit dem Satz:
„Vorstehende Gildegesetze werden mit dem Wunsch geschlossen, daß jeder Interessent die Gilde als einen Verein wahrer Bruderliebe ansehen wolle. Williger und freudiger Gehorsam gegen dieselben sei darum die Losung, auf daß der Gildetag ein Tag erlaubter und unschuldiger Freude und der Verein selbst ein Mittel werde, Tränen zu trocknen und Bruderwohl zu befördern.
Das walte Gott!
Schönkirchen, d. 17. Juli 1875
Attestiert
gez. C. Petersen
Fr. Bruhn pp Älterleute
gez. E. Wiese
Gildeschreiber"
Diese Satzung hat sich später z. T. im Wortlaut und einigen Paragraphen geändert, nicht aber in ihren Grundwerten. Zur Gilde gehörte natürlich auch das Schießen auf den Vogel. Die Regeln haben sich dabei in wenigen Punkten geändert, die Freude am "Vogelschießen" ist jedoch geblieben. Geschossen wurde 1875 nicht mehr nach dem eisernen Vogel auf der Stange, sondern auf einen hölzernen Vogel in waagerechter Richtung. Bis zum 2. Weltkrieg schoß man noch mit Vorderladern, die einen gewaltigen Krach machten und deshalb als Donnerbüchsen bezeichnet wurden. Ab und an ging dabei auch mal eine Ladung nach hinten los.
Zunächst wurde mit "offener Liste" geschossen, d. h. jeder, der schießen wollte, trug sich in die Liste ein. So konnte er sich selbst zum König schießen. Manchmal blieben am Ende nur noch ein oder zwei Schützen nach, die König werden wollten! Ab etwa der Jahrhundertwende ging man dann zur "verdeckten Liste" über. In die "Königsliste" wurden nur laufende Zahlen eingetragen. Die Schützen wußten also nicht, für wen sie schossen. Im folgenden Jahr fing die Königsliste bei dem Mitglied, der in alphabetischer Reihenfolge hinter dem König kam, mit der Nummer 1 an. Die Nummer, die beim letzten Schuß einen Strich erhielt, ergab im Vergleich mit der Königsliste den neuen König. Das ist bis heute so geblieben, und es erfreut sich so weiterhin großer Beliebtheit. Die Frage, wer nun wohl König sei, bleibt bis zur Öffnung der versiegelten Königsliste spannend. Die immer wieder auftauchende Meinung, da drehe der Vorstand doch bestimmt dran, kann nicht mit letzter Gewißheit verneint werden!
Auch in der Knochenbruchgilde ging es nicht ohne Turbulenzen ab. Immer wieder versuchten Gildemitglieder, dem Vorstand eins auszuwischen, manches davon ging sogar über den Staatsanwalt. Auf einer außerordentlichen Gildesitzung 1892 wurde dem Vorstand z. B. vorgeworfen, er hätte 90 Pf. Kassengelder verzehrt, wozu er nicht berechtigt gewesen sei. Eine Anzeige wurde zurückgewiesen, weil kein Grund zur Untersuchung vorliege, denn es handelte sich nicht (!) um Kassengelder.
Ein Antrag auf Statutenänderung, bezüglich der Auszahlung von Schadegeld bei Finger-, Zehen und anderen Amputationen, wurde abgelehnt. Es gab häufiger Unstimmigkeiten und Ärger wegen der Schadensbewertung. So hatte man auf der Generalversammlung im Februar 1897 beschlossen, auch den Bruch der Kniescheibe in die Versicherung aufzunehmen. Schon gab es Ärger. Am 27. Januar meldete der Gildeinteressent Sell aus Kiel unter Vorlage eines ärztlichen Attestes, daß er sich eine Kniescheibe gebrochen hätte. Da man aber erst am 7. Februar darüber beschlossen hatte, beim Bruch der Kniescheibe zu zahlen, sah die Gilde keine Veranlassung, Schadegeld zu zahlen. Sell gab keine Ruhe. Durch den Rechtsanwalt Dr. Friedrich aus Kiel klagte er vor Gericht auf Zahlung. Damit hatte er jedoch kein Glück, denn der Beschluß der Generalversammlung trat erst zu den Gildetagen nach Johanni in Kraft!
Vom Jahre 1913 an benutzten die Wind- und Knochenbruchgilde denselben Schießstand. Er lag auf der Koppel am Achterredder, hinter dem zweiten Friedhof. Der Besitzer, Hufner Friedrich Stoltenberg, erhielt 9 Mark Pacht. Auf diesem Schießstand ist dann bis 1982 geschossen worden.
Im Mai 1914 wurde das letzte Gildefest vor dem 1. Weltkrieg gefeiert. In den Kriegsjahren 1915/16/17 und 18 wurden nur Versammlungen abgehalten, über 20 Mitglieder sind Soldaten! Zur ersten Versammlung nach dem Krieg im Jahre 1919 sind nur 11 Mitglieder anwesend. Man beschloß, nur am Montag Gilde zu feiern, der König wurde ausgelost. Ab 1920 ging das Gildeleben dann wieder richtig los. Das Programm sah wie folgt aus: Sonntagmorgen um 8 Uhr Aufstellen des Vogels. 4 Uhr nachmittags Ausmarsch zum Schützenplatz. Die Musik stellt E. Busch für 8 Mark pro Person und Stunde, an beiden Tagen je fünf Mann. Tanzgeld Herren 5 Mark, Damen 3 Mark. Montag 4 Uhr nachmittags Ummarsch und Einkehr bei Heuck.
1922 wurde der Vorsteher Friedrich Struve Ältermann für H. Hinz. Peter Stoltenberg wurde in die Achtmannschaft gewählt. Dieses Amt hatte er bis 1950 inne, dann war er bis 1952 zunächst zweiter, danach bis 1962 erster Ältermann und bis zu seinem Tode 1971 Ehrenältermann. Nach 1922 machte sich langsam die Inflation bemerkbar, dazu ein paar Zahlen aus den Gildeausgaben 1923: Botenlohn 5.000 Mark, Vogel 12.000 Mark, Musik 1.800 Mark pro Stunde und Mann, Zechgeld 1.500 Mark und Eintritt 1.500 Mark. Das Schadegeld beträgt einhundert Milliarden Mark pro Mitglied. Das Schadegeld für ein Gildemitglied wurde auf 300 Billionen Mark festgelegt. Er wurde gebeten, es selber abzuholen (wahrscheinlich mit der Schiebkarre).
Im Jahre 1924 entspannte sich die Situation durch die Einführung der Rentenmark. 1931 legte der Ältermann Struve sein Amt wegen Krankheit nieder, neuer Ältermann wurde Christian Schwarten. Auf der Versammlung im Mai 1934 wurde beschlossen, wegen der Geldknappheit nur einen Tag zu feiern, geschossen werden soll auch nicht. Es wurde ein Schreiben verlesen, daß laut ministerieller Anordnung alle Ämter in der Gilde nur Ehrenämter sein dürfen. Zum ersten Male griff der Staat in "Interna" der Gilden ein. Der zweite Eingriff erfolgte dann 1935! Der Regierungspräsident richtete ein Schreiben an die Gilden, wonach diese in Zukunft dem Versicherungsgesetz unterliegen. Danach waren neue Satzungen aufzustellen und ein Reservefond zu bilden. Das war ein schwerer Eingriff in die Jahrhunderte alte Gildetradition! Man versuchte, diese Anordnung zu umgehen und begründete dies mit zu geringer Mitgliederzahl, sowie mit der Erhaltung der von den Gilden gepflegten Tradition. Es wurde beantragt, man möge von einer Revisionspflicht absehen. Doch am 10. August 1935 erklärte sich die Gilde für aufgelöst, es gäbe unüberwindbare Schwierigkeiten!
Wohl mit Duldung durch die örtlichen Behörden feierte man dennoch Gilde. Es sei ein Bedürfnis, im Sinne der "alten Volksgemeinschaft" zu feiern. Man führte 1937 sogar ein Sterbegeld ein, das aber eingesammelt wurde. 1938 wurde noch einmal Gilde gefeiert. Aber dann folgt im Protokoll der Satz: Der Beschluß der außerordentlichen Gildeversammlung vom 23. Oktober 1935 bleibt bestehen (Auflösung der Gilde)! Von diesem Zeitpunkt an gibt es keine Protokolle der Gilde mehr. Es war Nacht geworden über Deutschland, der Nationalsozialismus brachte Krieg und Elend!
Neubeginn 1950
Nach dem totalen Zusammenbruch 1945 sah es zunächst so aus, als ob nichts mehr laufen würde. Niemand konnte sich vorstellen, daß es jemals wieder ein normales Leben geben würde! Doch langsam regte sich das Streben nach Normalisierung. Das kommunale Leben kam wieder ingang, auch das Vereinsleben regte sich wieder. Jedoch waren die britischen Besatzungsorgane sehr vorsichtig in der Zulassung. Besonders bei den Gilden tat man sich schwer. Fahnen, Blasmusik, Schießen? Hier hatte man große Bedenken. Nach der Gründung der Bundesrepublik gewann man, wenn auch zögernd, die Souveränität zurück.
1948/49 ging man auch in Schönkirchen daran, die Gilde wieder aufleben zu lassen. Max Kaak, Peter Stoltenberg, Else Knegendorf und Hans-Heinrich Stoltenberg waren diejenigen, die den ersten Schritt wagten. Die erste Generalversammlung fand am Sonnabend, 17. Juni 1950 statt.
Dies war der erste Vorstand:
1. Ältermann Max Kaak
2. Ältermann Peter Stoltenberg
Schriftführer Willi Seemann
In die Achtmannschaft wurde gewählt:
Heinrich Stoltenberg - Johannes Dibbern
Georg Rebehn - Franz Seemann
Georg Timm - Walter Möbitz
Ernst Blöcker - Hermann Doormann
Bote wird Heinrich Kühl.
Das Sterbegeld beträgt 100 DM, für Knochenbrüche wird die Satzung der Flüggendorfer Knochenbruchgilde zugrunde gelegt. Die Knochenbrüche werden statt in zwei in drei Kategorien eingeteilt. Schon im selben Jahr feierte man Gilde, immerhin war es der 75. Geburtstag der Knochenbruchgilde! Man feierte nur einen Tag, den Gildevogel baute Georg Gnutzmann, den Anstrich besorgte Hermann Doormann. Die Musik kostete 150 DM.
1951 baute der Gildebruder Adolf Dibbert, "Otti", seinen ersten Gildevogel; er tat dies bis 1990! 1952 wurde Peter Stoltenberg 1. Ältermann, 2. Ältermann wurde William Ibelshäuser, der den Krug von Bernhard Heuck übernommen hatte. Er stiftete eine neue Königskette, die jeweils am Gildetage vom König getragen werden soll. Es wurde die Aufstellung einer neuen Satzung beschlossen. Danach können sich alleinstehende Frauen als Gildemitglieder eintragen lassen (als Vollmitglied). Damit dürfte die Schönkirchener Gilde eine der ersten Gilden gewesen sein, in denen die Frauen vollberechtigte Mitglieder wurden. In den folgenden Jahren wurden noch einige Neuerungen eingeführt:
1953 ringen die Gildeschwestern beim Fischpicken erstmalig um die Königinnenwürde, Kinder bis zum 18 Lebensjahr sind bei den Eltern mitversichert.
1955 nahm die Gilde zum ersten Mal offiziell an der Beerdigung
eines Mitgliedes mit einer Fahnenabordnung teil. Man beschloß einheitliche Hüte tragen.
1954 wurde Paul Stoltenberg 2. Ältermann.
1957 wurde Bernhard Damberg Gildeschreiber, in die Achtmannschaft kam Werner Prien.
1959 wurden Paul Pieck und Hans Hilbert als Vorsteher gewählt.
Ein großes Fest steht bevor: die 400-Jahr-Feier der Gilde. Man beschließt, der Gilde einen neuen Namen zu geben. Da die Knochenbruchgilde sich als Nachfolgegilde der Brandgilde von 1560, der Windgilde von 1819 und der Knochenbruchgilde von 1875 betrachtet, glaubt man sich dazu berechtigt. Es ist zweifelsfrei, daß diese Auffassung richtig ist. Man einigt sich auf den Namen:
Alte Gilde Schönkirchen von 1560
Unter der Regie von Paul Stoltenberg wurde in mühseliger Arbeit das Programm für die 400-Jahr Feier im Jahre 1960 erarbeitet. Alle Vereine des Dorfes wurden einbezogen, so daß es ein Heimatfest wird. An acht Tagen lief ein Programm ab, das für Schönkirchen einmalig war. Alle Pferde der Umgebung wurden einbezogen, Lastwagen und Trecker zogen bunte Festwagen. Auf dem Dorfplatz fand eine Ausstellung moderner Landmaschinen statt, die besten Kleingärten wurden prämiert, ein eigens für dieses Fest geschriebenes Theaterstück von Hans H. Stoltenberg wurde aufgeführt, der neue Sportplatz wurde eingeweiht, ein Festgottesdienst mit Pastor Gronau fand statt, es wurde eine neue Fahne eingeweiht, und natürlich wurde tüchtig gefeiert. Die Kosten für dieses Fest wurden mit 16.378,39 DM beziffert, die Einnahmen lagen am Ende eben darunter. Entscheidend aber war der große Zulauf von Mitgliedern, die Zahl stieg sprunghaft auf über 300 an!
1962 wurde Paul Stoltenberg 1. Ältermann, Peter Stoltenberg Ehrenältermann. Ernst Blöcker wurde 2. Ältermann, und Franz Schlapkohl kam in die Achtmannschaft. 1963 wurde Werner Prien 2. Ältermann, Hans-H. Stoltenberg kam in die Achtmannschaft. Auf dem Gildefest jenen Jahres passierte es nun, daß der neue König kein Ringgeld eingezahlt hatte. Das war schlimm, denn so konnte er auch nicht in den Genuß dieses Geldes kommen. Was war das, Ringgeld? William Ibelshäuser hatte es eingeführt. Beim Frühstück zahlt jeder 5 DM in die Kasse. Dieses Geld bekommt dann der König. Nun war guter Rat teuer! Anspruch hatte er nicht darauf! Da machte der damalige Bürgermeister Albert Zimprich den Vorschlag, ihm doch das Ringgeld auszuzahlen! Der Gildevorstand war darüber nicht erfreut, man wollte keinen Präzedenzfall schaffen. Man fragte die Ringgeldzahler, ob jemand sein Geld zurückhaben wolle. Da dies nicht der Fall war, einigte man sich darauf, es ausnahmsweise dem König zu geben. Der Ältermann verkündete es laut: "Wir tun es, um keine größere Unruhe aufkommen zu lassen, aber: der Bürgermeister möge in der Gemeinde regieren, in der Gilde regiert der Vorstand!" 1964 verließ Paul Stoltenberg den Ort. Neuer Ältermann wurde Werner Prien, 2. Ältermann H.H. Stoltenberg, Schriftführer Axel Haustein und Kassenwart Karl Witt.
Am 20. September 1965 brannte das Gildehaus ab! Ein furchtbarer Schock für das ganze Dorf (siehe Kapitel 2.2 "Das Gildehaus"). Kurz vor Weihnachten starb im gleichen Jahr plötzlich der Ältermann Werner Prien. Ein düsteres Jahr für die Gilde! Neuer Ältermann wurde Hans-H. Stoltenberg, genannt "Hans vun Dörpdiek".
Der Gildevorstand tat sich am Anfang mit dem Wiederaufbau des Gildehauses schwer, es war damals im Besitz des Gildebruders Willi Seemann. Schließlich ergriffen Hermann Kistenmacher, Helmut Kulse und Georg Kahl die Initiative zum Wiederaufbau. Sie leiteten alles in die Wege, was erforderlich war. Das Gildehaus wurde so aufgebaut, wie es vorher war, es wurde sogar schöner. Besondere Verdienste hat sich hierbei Hermann Kistenmacher erworben. So konnte der 1. Ältermann 1967 sagen: "Das Gildehaus steht wieder, der Kommers wird wieder im Gildehaus gefeiert!"
Nach der 400-Jahrfeier trafen sich alljährlich die Vorstände der Ellerbeker Buttgilde von 1666, der Großen Neumühlener Gilde von 1635, später auch der Mönkeberger Bürgergilde, um über Gildefragen zu sprechen. Dies war vom Gildebruder Holdorf aus Neumühlen angeregt worden. 1968 war man in Schönkirchen zu Gast. Es gab Mehlbüdel, Schweinsbacke, Kochwurst und Backpflaumen! Im November erhielt die Alte Gilde Schönkirchen die "Gildekette" aus der Hand des Landrates, das ist eine Auszeichnung, die vom damaligen Ministerpräsidenten Lembke für die Vereine gestiftet wurde, die über 100 Jahre im Dienste der Gemeinschaft stehen. Diese Auszeichnung wurde im Rahmen des Königsballes übergeben.
1970 trat Hans-H. Stoltenberg zurück. Neuer Ältermann wurde Walter Stoltenberg, der Sohn des Ehrenältermannes Peter Stoltenberg. 1971 wurde Helmut Kulse 2. Ältermann. Es wurde beschlossen, daß der Ältermann am Grabe eines Gildemitgliedes ein Abschiedswort spricht.
1973 hatte die Gilde Besuch vom Fernsehen. Es sollte gezeigt werden, welche Berechtigung die Gilden in der heutigen Zeit haben. Die Gilden wurden in der Sendung in starken Mißkredit gebracht. Hätten wir damals geahnt, wie der Redakteur die Gilden herabwürdigt, hätten wir die Aufnahmen bei uns nicht zugelassen. Es gab nach der Sendung viel zu schreiben, um aufgebrachte Zuschauer aus ganz Norddeutschland zu beruhigen!
Im Jahre 1973 war der damalige Ministerpräsident Dr. Gerhard Stoltenberg zu Gast beim Gildefest, er pflanzte am Dorfteich eine Blutbuche. Stoltenberg entstammt einer alten Schönkirchener Familie, sein Urgroßvater war Lehrer und Organist in Schönkirchen. Der neue Pastor Eckart Ehlers wurde bei seiner Amtseinführung ebenfalls im Jahre 1973 zum "Gildepastor" ernannt und ist kraft seines Amtes Mitglied der Gilde. Seit Pastor Ehlers in der Gemeinde ist, beginnen wir das Gildefest mit einem Plattdeutschen Gottesdienst.
An dieser Stelle soll einmal aufgezeigt werden, welchen neuen Aufgaben sich die Gilde in ihrer jüngeren Geschichte gestellt hat: Nach dem 2. Weltkrieg wurden Millionen von Flüchtlingen aus den Ostgebieten aufgenommen, sie galt es, zu integrieren und ihnen eine neue Heimat zu geben, auch in unserer Gilde. Die Entstehung und Verbreitung neuer Medien wie Zeitungen, Zeitschriften Funk und Fernsehen, trugen leider nicht mit dazu bei, Traditionen, alte Sitten und Gebräuche und unsere plattdeutsche Sprache zu pflegen. Zunächst war nur das Neue und der Fortschritt gefragt, eine Rückbesinnung auf die Tradition ist erst in den letzten Jahren zu verzeichnen.
Die Gilde stellte sich bei ihrem Neubeginn 1950 folgende Aufgaben:
1. Wahrung der alten Gildetradition
2. Erhaltung und Pflege der plattdeutschen Sprache und Kultur
3. Hilfe im Rahmen der Statuten bei Knochenbrüchen und bei Sterbefällen
4. Integration der Neubürger in unsere dörfliche Gemeinschaft und in das Gildeleben.
Kurz vor Weihnachten 1980 verstarb der Gildebruder Hans Heinrich Stoltenberg. Mit seinen Liedern, Geschichten und Gedichten rund um den Dorfteich hat er sich ein bleibendes Andenken verschafft. In diesem Jahre beschlossen auch unsere drei Ortsgilden, künftig konstruktiv zusammenzuarbeiten, dies war in den vergangenen Jahren nicht immer der Fall gewesen. 1976 schied der langjährige Gildeschreiber Max Kaak aus. Sein Nachfolger wurde Herbert Schlünsen. In diesem Jahre wurde erstmals eine Gildefestschrift erstellt, sie sollte künftig jedes Jahr erscheinen. Erster Redakteur und Initiator war William Ibelshäuser.
Nach 1971 wurde das Gildefest vom Junitermin auf das letzte Wochenende im Mai verlegt. Dieser neue Termin wurde mit den benachbarten und befreundeten Gilden abgestimmt. Man konnte so vermeiden, parallel der Kieler Woche zu feiern. 1983 wurden auf dem gemeindeeigenen Spielplatz am Weidenkamp neue Gildeanlagen erstellt. Der alte Platz am Friedhof war vor allem bei Regenwetter den Belastungen nicht mehr gewachsen. In Eigenarbeit mit nur wenig Zuschüssen wurde die Anlage gebaut. Hier zeigte sich der alte Gildegeist!
Für den erkrankten Kassierer Karl Friedrich Witt trat der Gildebruder Jürgen H. Waldner dessen Amt an. Er regelte die Finanzierung des neuen Gildeplatzes und stellte die Umlagenzahlung auf das Abrufverfahren um. Bei knapp 300 Familien- und Einzelmitgliedern (die Gesamtmitgliederzahl lag unter 500, heute deutlich über 500), die zum Teil nicht im Ort wohnten, war eine Sammlung nicht mehr zumutbar. 1984 wurde die Satzung überarbeitet.
1985 feierte man das 425. Jubiläum der Gilde. Es wurde ein gelungenes Fest. Man feierte vierzehn Tage und bot den Bürgerinnen und Bürgern ein vielfältiges Angebot an kulturellen Ereignissen. Zum Jubiläum hatte die Gilde wieder Besuch von Dr. Gerhard Stoltenberg, diesmal kam er als Bundesminister der Verteidigung.
1988 trat der 1. Ältermann Walter Stoltenberg aus gesundheitlichen Gründen zurück. 18 Jahre hatte er dieses Amt inne. Wegen seiner "großen Verdienste um die Gilde" wurde er einstimmig zum Ehrenältermann gewählt. Neuer Ältermann wurde Hans Prien, zweiter Ältermann blieb Helmut Kulse.
Mit Hans Prien kamen neue Ideen in die Gildearbeit. Vorstand und Achtmannschaft beschlossen, neben dem traditionellen Gildefest auch weitere Veranstaltungen für die Gildemitglieder zu organisieren. In den folgenden Jahren wurde u. a. eine jährliche "Fahrt ins Blaue" organisiert, es wurde das Königstreffen neu belebt, auch ein Königinnentreffen wurde von den Gildeschwestern eingeführt. Besonderen Zuspruch findet der "Seniorenkaffee", der im August im Gildehaus durchgeführt wird. Diese Veranstaltung wird besonders gut besucht. Neu eingeführt wurde auch der Gildestammtisch, der für alle Gildebrüder und Gildeschwestern offen ist. Beim Stammtisch werden viele Dinge der Gilde besprochen, insbesondere wird das Gildefest vor- und nachbereitet. Des weiteren wurde in den letzten Jahren auch die Zusammenarbeit mit den Gilden des Ortes und den benachbarten Gilden verstärkt. Eine gemeinsame Veranstaltung ist der jährliche Niederdeutsche Abend und andere Veranstaltungen. 1993 veranstaltete die Gilde gemeinsam mit der Volkshochschule im Rahmen der Schönkirchener Woche einen "Oldi-Abend" am Dorfteich vor dem Hörn-Huus, der sehr gut besucht wurde.
Der Mitgliederbestand der Gilde hat sich sicher auch bedingt durch verstärkte Aktivitäten von 470 im Jahre 1988 auf 514 im Jahre 1993 erhöht, also im positiven Sinne gegen den Trend des Mitgliederschwundes in Vereinen und Verbänden deutlich verbessert. Ein weiterer Grund für den Mitgliederzuwachs ist sicher auch die 1993 gegründete "Sportschützengemeinschaft der Alten Gilde Schönkirchen e.V.".
Im Jahre 1992 verstarb Helmut Kulse unerwartet, ein herber Verlust für die Gilde. Mit ihm verloren wir eine Schönkirchener Persönlichkeit, einen Menschen, der sich in seiner liebenswerten, hilfsbereiten und fröhlichen Art großer Beliebtheit im Orte erfreute.
Im Jahre 1993 ergriffen einige Gildeschwestern die Initiative zum Schneidern einer Schönkirchener Tracht. Gemeinsam mit der Schneidermeisterin Sünne Lindenthal wurde die Tracht erstmalig zur Jahreshauptversammlung von vier Gildeschwestern vorgestellt. Die Tracht fand großen Anklang, bis zum Ende des Jahres 1993 trugen bereits 15 Damen die Tracht, der Tanzkreis des Landfrauenvereins entschied sich ebenfalls für die Schönkirchener Tracht.
Abschließend sei nicht ohne Stolz erwähnt, daß die Alte Gilde von der Gemeinde Schönkirchen die Aufgabe erhielt, zur 700-Jahr-Feier diese Chronik zu schreiben. In Zusammenarbeit mit der Schönhorster und der Flüggendorfer Gilde wurde diese erstellt.
Walter Stoltenberg
Jürgen H. Waldner